Rekonstruktion und Verständnis

Diese Seite widme ich der archäologischen Seite des Brettchenwebens – der Rekonstruktion. Hier geht es nicht um Webbriefe oder Anleitungen, sondern darum, historische Muster zu verstehen, nachzuvollziehen und über praktisches Arbeiten zu erforschen. Ich zeige, wie ich Funde interpretiere, welche Schlüsse ich daraus ziehe und welche Fragen beim Weben entstehen. Archäologie im Tun – mein persönlicher Zugang.

Brettchengewebe der Eisenzeit

Hallstatt

Im Salzbergwerk in Hallstatt, Österreich, und einem dazugehörigen Gräberfeld sind viele textile Fragmente erhalten geblieben, aufgrund der besonderen Konservierungsbedingungen im Salz. Viele der gefundenen Borten sind in der Köpertechnik gewebt worden. Bei einigen wurden die verwendeten Farbstoffe analysiert. Nach Hallstatt ist ein ganzer Zeitabschnitt der älteren Eisenzeit benannt worden, die Hallstattzeit (800 – 475 v. Chr.)

Ich habe bisher Halltex 186, Halltex 123a und Halltex 136/1 nachgewebt.

Halltex 123a

Wurde im Original mit 21 Brettchen gewebt. Höhe 1,3 cm, Material Wolle und Schussfaden Pferdehaar.

Im Original ist die Borte als Abschluss eines Ärmels verwendet worden.

Hochdorf

In Hochdorf wurde unter einem Grabhügel das reich ausgestattete Grab eines Keltenfürsten gefunden, inklusive vieler Textilreste. Besonders sind die Borten, die mit ausgelassenem Einzug gewebt wurden. Die Borte TK 7c vom Kessel habe ich nachgewebt.

Brettchenborten des Mittelalters

Alvastra – Schweden

In Alvastra steht eine Abtei aus dem 12. Jahrhundert. Bei Ausgrabungen wurden in der Kirche Bestattungen gefunden und einer der verstorbenen hatte Reste einer Brettchenborte bei sich, wahrscheinlich ein Überrest seiner Kleidung, die vergangen ist.

🕍 Die Textilschätze von Sint-Truiden

Die Abtei Sint-Truiden in Belgien birgt einen der bedeutendsten mittelalterlichen Textilfunde Europas. Insgesamt 29 broschierte Brettchengewebe konnten dort geborgen werden – schmale, kostbare Bänder aus Seide, Gold- und Silberfäden, die einst Reliquien und liturgische Gewänder schmückten.

Die Stücke stammen überwiegend aus dem 13. und 14. Jahrhundert und zeigen eine bemerkenswerte Vielfalt: von strengen geometrischen Formen über florale Motive bis hin zu heraldischen Darstellungen wie Burgen und Wappen.

Trotz ihrer dekorativen Wirkung sind viele Bänder technisch schlicht ausgeführt. Sie repräsentieren eine Zeit, in der die Brettchenweberei bereits im Niedergang war – und gerade diese Mischung aus Feinheit und Unregelmäßigkeit macht sie so besonders und authentisch.

Die Funde aus St. Truiden bieten eine seltene Gelegenheit, spätmittelalterliche Brettchengewebe direkt zu studieren und nachvollziehbar zu rekonstruieren.


🧵 Technik und Besonderheiten der St.-Truiden-Borten

Alle Bänder aus St. Truiden besitzen dieselbe technische Grundlage: eine klassische S/Z-wechselnde Brettchenbindung, die eine feine, gerippte Oberfläche erzeugt. Darüber liegen broschierte Schussfäden, meist aus vergoldetem Silber oder farbiger Seide.

Typisch für diese Borten sind:

  • Maße: 0,4–2,5 cm Breite, 36–160 Kettfäden
  • Schussdichte: 10–20 Picks/cm
  • Brokatführung: meist ein Schussfaden pro Reihe, teilweise in zwei Farben
  • Flottungsfang: zu lange Broschur-Fäden werden unter einzelnen Kettfäden eingehängt
  • Unregelmäßigkeiten: Muster sind oft asymmetrisch oder „schief“ – ein Kennzeichen der Originale

Einige Bänder zeigen eine gleichmäßige Abfolge geometrischer Formen, andere sind spielerisch, fast improvisiert aufgebaut. Besonders spannend ist ein Stück (Cat. 136), das Hinweise auf einen „warp spacing device“ enthält – möglicherweise ein Abstandshalter oder Schärbrett, das die Fäden in Position hielt.

Diese technischen Details helfen, die Borten nicht nur ästhetisch, sondern auch handwerklich korrekt zu rekonstruieren.

Literatur:

  • Nancy Spies: Ecclesial pomp & aristocratic circumstance 2000
  • Sorber
  • Link zur Datenbank der Kunstschätze Belgiens

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