Brettchenweben in Essen – Begegnungen, Muster & Inspiration

Das Brettchenwebertreffen in Essen war wieder ein Tag voller Inspiration, wunderschöner Borten und spannender Gespräche. Hier ist mein persönlicher Rückblick – und ein kleiner Ausblick auf neue Webprojekte.

Ich bin morgens ganz gut durchgekommen auf der Strecke von Hessen ins Ruhrgebiet. Die üblichen Baustellen und der Kölner Ring waren nicht übermäßig voll. Im Unperfekthaus in Essen angekommen, waren meine lieben Mitweberinnen schon fleißig, hatten mir aber einen Platz in ihrer Mitte freigehalten. Es gab viel zu erzählen und neueste Webprojekte zu zeigen.

Nach einer Mittagspause mit Essen vom Buffet ging es dann für mich an die Auswahl einer Sint-Truiden-Borte. Silvia neben mir war schon am Werk und die Broschierung (Broschierung bedeutet, dass einzelne Fäden oft aus Gold- oder Silberlahn dekorativ über das Gewebe geführt werden – das sorgt für den schönen Glanz) glitzerte schön.

Silvia hatte mir extra noch ein Buch mitgebracht, wo ich in Ruhe nachlesen konnte, was es mit diesen Borten auf sich hat und ich entschied mich für die Borte 111, die Silvia bereits in Anlehnung gearbeitet hatte. Aus meinem Seidenvorrat entschied ich mich für eine grünblaue Seide, die ich mit Hilfe von Barbara auf den Webstuhl aufzog. 25 Brettchen sind gut händelbar (Eine Größe, die weder zu klein für Musterdetails noch zu sperrig für längere Webzeiten wird).

Ich habe dann ein erstes Stück in Köper gewebt und dann gestoppt, weil ich gemerkt habe, dass ich mir besser doch selbst einen Webbrief schreiben sollte und ich im Foto von der Originalborte entdeckte, dass das Original sich doch von Silvias Entwurf unterschied. Da ich eine Rekonstruktion machen möchte, kommt es auch auf Kleinigkeiten an. Daher entschied ich mich für heute Schluss zu machen und in den nächsten Tagen den Webbrief herzustellen.

So verging der Nachmittag wie im Fluge: bei den anderen Weberinnen schauen welche Projekte diese auf dem Webstuhl haben, wie welche Webrahmen funktionieren und viele Geschichten, Pläne für 2026 austauschen.

Ich hatte noch eine Borte von Sint Truiden entdeckt, die mit interessanten Knöpfen versehen ist und gemeinsam haben wir versucht herauszufinden, aus welchem Material die Knöpfe sind und wie man sie vielleicht selbst herstellen kann. Ich liebe diese Treffen, wo die Schwarmintelligenz so hilfreich ist.

Mit Silvia habe ich mich noch über den Vortrag zu Riedlingen unterhalten – wir sind beide gespannt auf die Forschungsergebnisse zu den Textilien.

Ich freue mich immer wieder auf diese Treffen, auch wenn es für mich eine weite Anfahrt bedeutet. Es ist einfach schön mit Leuten zusammenzusitzen, die genauso verrückt sind, wie man selbst.

Ich werde natürlich den Fortschritt der neuen Borte auf der Webseite dokumentieren und freue mich schon auf unser nächstes Treffen im Februar.

Körbe, Weide & Winterlicht – mein VHS-Kursabend

Heute nehme ich euch mit zu meinem VHS-Korbflechtkurs. Ein Abend voller Handwerk, natürlicher Materialien und überraschend viel Ruhe. Und natürlich mit vielen Ideen, die ich mit nach Hause genommen habe.

Mit acht motivierten Teilnehmerinnen und Teilnehmern (ja es waren nicht nur Damen in unserer Runde), trafen wir uns an einem Freitagabend im Dezember in der Mittelpunkt-Schule in Hartenrod zu einem gemeinsamen kreativen Abend.

Die Teilnehmenden hatte zum Teil eigene Weidenruten geerntet und merkten relativ schnell, welche Ruten sich gut eigneten und welche weniger. Ich hatte auch ein Bündel mit frischen und eingeweichten Weiden mit, so dass wir nach einer kurzen Begrüßungsrunde gleich starten konnten.

Für die Herstellung von Schwingenkörben (Schwingenkörbe sind runde oder ovale Körbe, die aus zwei ineinander liegenden Ringen aufgebaut werden – eine klassische Technik, die stabil und wunderschön ist) müssen zunächst zwei Ringe geformt werden, die ineinander passen – das war schon die erste Herausforderung. Nachdem alle damit fertig waren und festgelegt hatten, welcher Ring zum Henkel wird und welcher zum Rand und wie tief oder flach ihr Korb werden sollte, ging es an des Verbinden der Ringe durch eine spezielle Technik. Diese musste ich immer wieder für jeden einzelnen an einem Demonstrationsstück vormachen und dann ging es los.

Im nächsten Schritt begann die eigentliche Flechtarbeit und in diesem Stadium wurden die Teilnehmenden ruhiger und entspannten sich. Zu diesem Zeitpunkt, konnte auch ich mit einem kleinen Korb beginnen.

Nach den ersten konzentrierten Schritten fiel spürbar die Anspannung ab – die Hände fanden ihren Rhythmus, die Stimmen wurden leiser, und die Weidenruten begannen ihre eigene Geschichte zu formen.

Zwischendurch wurden Fragen beantwortet, Hilfestellung geleistet und im Laufe des Abends entwickeln sich immer mehr – schöne individuelle Körbe. Es erfüllt mich jedes Mal, wenn Menschen entdecken, wie viel Kraft und Freude im Arbeiten mit Naturmaterialien steckt.

Alle Kursteilnehmenden haben einen Korb fertiggestellt und viele wollen nun weiter machen – ich bin gespannt und freue mich, wenn ich Interesse am Korbflechten wecken konnte – denn das Material ist in der Natur vorhanden.

Der nächste Kurs findet vor Ostern statt – ich werde rechtzeitig auf der Webseite darauf hinweisen.

Glossar & Werkzeuge

Hintergrundinfos zum Thema Korbflechten

Glossar – Wichtige Begriffe beim Korbflechten

Rute

Lange, biegsame Triebe (meist von Weide), die zum Flechten genutzt werden. Sie können frisch, eingeweicht oder geschält verwendet werden.

Reif / Reifen

Ein zu einem Ring gebogener und fest gewickelter Rutenkreis.
Beim Schwingenkorb bilden zwei Reifen die Basis: einer wird zum Henkel, der andere zum Korbrand.

Gottesauge

Eine traditionelle Verbindungstechnik, bei der zwei Ruten kunstvoll und sehr stabil um eine Kreuzung gewickelt werden. Sie entsteht wie ein „Auge“ und fixiert die beiden Reifen dauerhaft.

Bindung

Eine einfachere Wickeltechnik zum Verbinden von Ruten oder Reifen ohne dekorative Form. Für Anfänger völlig ausreichend.

Staken

Dicke, stabile Ruten, die als senkrechte „Pfosten“ dienen.
Sie bilden das „Gerüst“ des Korbes und bestimmen seine Höhe und Form.

Weberute

Dünnere, flexible Ruten zum eigentlichen Flechten. Sie werden um die Staken herumgeführt.

Keil

Eine Ausgleichstechnik beim Schwingenkorb: Man webt nicht vollständig herum, sondern kehrt früher um. Damit wird eine Seite gezielt aufgebaut, wenn der Korb schief oder asymmetrisch wird.

Versäubern

Der abschließende Arbeitsschritt: Enden einkürzen, einschlagen oder sauber einflechten, damit nichts übersteht und der Korb eine glatte Form erhält.


Werkzeuge – Was du zum Korbflechten brauchst

Grundwerkzeuge

  • Schneidmesser oder Gertel – zum Zuschneiden und Anspitzen der Ruten.
  • Rebschere / Gartenschere – zum Kürzen der Staken und Weberuten.
  • Ahle – zum Öffnen kleiner Zwischenräume oder Einstechen beim Versäubern.
  • Holzhammer – zum vorsichtigen Anklopfen und Verdichten des Flechtwerks.
  • Gewicht / Körnerkissen – um die Reifen beim Wickeln zu fixieren.
  • Wasserbehälter – um trockene Ruten einzuweichen und geschmeidig zu machen.

Hilfsmittel (optional, aber sehr nützlich)

  • Handschuhe – für empfindliche Hände oder bei grober Weide.
  • Schnur oder Kabelbinder – zum Vorfixieren beim Reifwickeln.
  • Klammern / Wäscheklammern – zum Halten einzelner Ruten während des Flechtens.
  • Maßband – für gleichmäßige Abstände und Korbhöhen.

Material

  • Weidenruten in verschiedenen Dicken (für Reifen, Staken, Weichruten).
  • Schale oder Eimer mit Wasser zum Befeuchten.

Literatur & Bezugsquellen

Das Brettchenweben ist eine der ältesten und vielseitigsten Techniken der Textilgeschichte. Wer tiefer einsteigen möchte – sei es historisch, technisch oder praktisch – findet hier eine sorgfältig zusammengestellte Auswahl an Fachliteratur, Online-Ressourcen und Materialquellen, die ich selbst nutze oder empfehle.


📚 Fachliteratur

Archäologische Grundlagen & Funde

  • Banck-Burgess, Johanna: Hochdorf IV – Die Textilfunde aus dem späthallstattzeitlichen Fürstengrab von Eberdingen-Hochdorf, Stuttgart 1999.
  • Grömer, Karina: Experimentalarchäologische Rekonstruktion der Brettchenweberei aus dem Salzbergwerk in Hallstatt, in: Experimentelle Archäologie in Europa, Bilanz 2004.
  • Grömer, Karina; Stöllner, Thomas: Ein abgerissener Ärmel aus dem Salzbergwerk Dürrnberg, Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 56, 2009, 105–157.
  • Hundt, Hans-Jürgen: Die Textilien im Grab von Hochdorf, Stuttgart 1985.
  • Keltenmuseum Heuneburg (Hrsg.): Bunte Tuche und gleißendes Metall. Frühe Kelten der Hallstattzeit, Herne 2007.
  • Kurzynski, Katharina von: Und ihre Hosen nennen sie bracas, 1996.
  • Schlabow, Karl: Textilfunde der Eisenzeit, Neumünster 1976.

Techniken & Grundlagen des Brettchenwebens

  • Collingwood, Peter: The Techniques of Tablet Weaving, London 1982.
  • Hansen, Egon: Tablet Weaving – History, Techniques, Colours, Højbjerg 1990.
  • Lehmann-Filhés, Margarethe: Über Brettchenweberei, Berlin 1902.
  • Schlabow, Karl: Die Kunst des Brettchenwebens, 1957.
  • Staudigel, Otfried: Der Zauber des Brettchenwebens, 2000.
  • Wollny, Claudia: Tablets at Work, Hürth 2017.

Experimentelle Archäologie & Rekonstruktion

  • Crumbach, Sylvia: Mit dem Webstuhl in die Vorzeit!, in: Experimentelle Archäologie in Europa – Bilanz 2014, S. 194–203.
  • Spies, Nancy: Ecclesiastical Pomp & Aristocratic Circumstance, Jarretsville 2000.
  • Wollny, Claudia: Die fabelhafte Welt der brettchengewebten Stola und des Manipels zu St. Donat, Arlon, Eigenverlag 2015.
  • Ungerechts, Silvia: Es gibt verschiedene Webanleitungen im Etsy-Shop zu kaufen

Digitale Quellen


Hinweis

Diese Literaturliste wächst kontinuierlich. Sie umfasst sowohl grundlegende Werke zur Technik als auch archäologische Berichte, experimentelle Rekonstruktionen und spezialisierte Fachpublikationen.


🌐 Online-Ressourcen


🧶 Bezugsquellen für Material

Garn & Fasern

Brettchen & Zubehör

  • Jens Neumann (Webstühle, Material) www.brettchenweber-shop.de
  • Jorgen Knochenschnitzer auf Facebook (Webschiffchen, Knochenbrettchen)

Gruppen auf Facebook


🛠 Empfehlungen aus der Praxis

  • Meine bevorzugten Garnstärken sind Wolle 20/2 – ich schwöre auf die Garne von Marled Mader
  • Wer fertige Musteranleitungen sucht – wir auf jeden Fall bei Silvia Aisling fündig
  • Jens Neumann vom Brettchenweber-Shop hat die tollsten Webrahmen (ich liebe den kleinen „Bardolino“)

Meine gewebten Bänder

Hier zeige ich meine fertigen Borten – moderne, freie Arbeiten ebenso wie rekonstruktive Bänder, die aus historischen Vorbildern entstanden sind. Jede Borte erzählt ihre eigene Geschichte: Material, Farben, Technik, Herausforderungen und kleine Freuden. Eine Sammlung, die wächst – ganz in meinem eigenen Tempo.

Rekonstruktionen & und Fundnahe Projekte

HallTex 123a

Eine Brettchenborte, die ich vor 2020 gewebt habe. Die Wolle ist pflanzengefärbt und stammt von Marled Mader. Der Schussfaden besteht aus dem Schweifhaar meines Pferdes. Man sieht gut am Dreieck, dass ich die Borte an einigen Stellen etwas zu langgezogen gewebt habe.

Dieses Muster mit den Dreiecken kommt öfter in der Eisenzeit vor und ich mag es sehr

Hintergrundinfos zum archäologischen Fund gibt es hier: Brettchenborten aus Hallstatt

Sint Truiden (Tx 107a)

Diese Borte aus Köper mit Broschierung stammt aus der Abtei von Sint Truiden in Belgien. Sie gehörte zu einer Reliquiensammlung. Ich habe die Borte vor ein paar Jahren gewebt, weil ich unbedingt die Technik des Broschierens ausprobieren wollte. Im Original bestand sie aus Seide mit Goldfäden broschiert. 2,3 cm breit und 14 cm lang.

Hintergrundinfos zum archäologischen Fund gibt es hier: Borten im mittelalterlichen Kirchenkontext

Historisch inspirierte Borten

Alvastra

Diese Borte wurde von mir 2019 in einem Kurs bei Sylvia Crumbach begonnen. Im Original ist die Borte mit Goldlahn broschiert und wurde für den Kurs umgeschrieben.

Ich habe das Band mit 17 Musterkarten und 4 Randkarten in einfacher Köpertechnik gewebt.

Hintergrundinfos zum archäologischen Fund gibt es hier: Mittelalterliche Borten

Übungsstücke und Proben

  • Abschlussborte als Präsentationsstück