Glossar & Werkzeuge

Hintergrundinfos zum Thema Korbflechten

Glossar – Wichtige Begriffe beim Korbflechten

Rute

Lange, biegsame Triebe (meist von Weide), die zum Flechten genutzt werden. Sie können frisch, eingeweicht oder geschält verwendet werden.

Reif / Reifen

Ein zu einem Ring gebogener und fest gewickelter Rutenkreis.
Beim Schwingenkorb bilden zwei Reifen die Basis: einer wird zum Henkel, der andere zum Korbrand.

Gottesauge

Eine traditionelle Verbindungstechnik, bei der zwei Ruten kunstvoll und sehr stabil um eine Kreuzung gewickelt werden. Sie entsteht wie ein „Auge“ und fixiert die beiden Reifen dauerhaft.

Bindung

Eine einfachere Wickeltechnik zum Verbinden von Ruten oder Reifen ohne dekorative Form. Für Anfänger völlig ausreichend.

Staken

Dicke, stabile Ruten, die als senkrechte „Pfosten“ dienen.
Sie bilden das „Gerüst“ des Korbes und bestimmen seine Höhe und Form.

Weberute

Dünnere, flexible Ruten zum eigentlichen Flechten. Sie werden um die Staken herumgeführt.

Keil

Eine Ausgleichstechnik beim Schwingenkorb: Man webt nicht vollständig herum, sondern kehrt früher um. Damit wird eine Seite gezielt aufgebaut, wenn der Korb schief oder asymmetrisch wird.

Versäubern

Der abschließende Arbeitsschritt: Enden einkürzen, einschlagen oder sauber einflechten, damit nichts übersteht und der Korb eine glatte Form erhält.


Werkzeuge – Was du zum Korbflechten brauchst

Grundwerkzeuge

  • Schneidmesser oder Gertel – zum Zuschneiden und Anspitzen der Ruten.
  • Rebschere / Gartenschere – zum Kürzen der Staken und Weberuten.
  • Ahle – zum Öffnen kleiner Zwischenräume oder Einstechen beim Versäubern.
  • Holzhammer – zum vorsichtigen Anklopfen und Verdichten des Flechtwerks.
  • Gewicht / Körnerkissen – um die Reifen beim Wickeln zu fixieren.
  • Wasserbehälter – um trockene Ruten einzuweichen und geschmeidig zu machen.

Hilfsmittel (optional, aber sehr nützlich)

  • Handschuhe – für empfindliche Hände oder bei grober Weide.
  • Schnur oder Kabelbinder – zum Vorfixieren beim Reifwickeln.
  • Klammern / Wäscheklammern – zum Halten einzelner Ruten während des Flechtens.
  • Maßband – für gleichmäßige Abstände und Korbhöhen.

Material

  • Weidenruten in verschiedenen Dicken (für Reifen, Staken, Weichruten).
  • Schale oder Eimer mit Wasser zum Befeuchten.

Literatur & Bezugsquellen

Das Brettchenweben ist eine der ältesten und vielseitigsten Techniken der Textilgeschichte. Wer tiefer einsteigen möchte – sei es historisch, technisch oder praktisch – findet hier eine sorgfältig zusammengestellte Auswahl an Fachliteratur, Online-Ressourcen und Materialquellen, die ich selbst nutze oder empfehle.


📚 Fachliteratur

Archäologische Grundlagen & Funde

  • Banck-Burgess, Johanna: Hochdorf IV – Die Textilfunde aus dem späthallstattzeitlichen Fürstengrab von Eberdingen-Hochdorf, Stuttgart 1999.
  • Grömer, Karina: Experimentalarchäologische Rekonstruktion der Brettchenweberei aus dem Salzbergwerk in Hallstatt, in: Experimentelle Archäologie in Europa, Bilanz 2004.
  • Grömer, Karina; Stöllner, Thomas: Ein abgerissener Ärmel aus dem Salzbergwerk Dürrnberg, Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 56, 2009, 105–157.
  • Hundt, Hans-Jürgen: Die Textilien im Grab von Hochdorf, Stuttgart 1985.
  • Keltenmuseum Heuneburg (Hrsg.): Bunte Tuche und gleißendes Metall. Frühe Kelten der Hallstattzeit, Herne 2007.
  • Kurzynski, Katharina von: Und ihre Hosen nennen sie bracas, 1996.
  • Schlabow, Karl: Textilfunde der Eisenzeit, Neumünster 1976.

Techniken & Grundlagen des Brettchenwebens

  • Collingwood, Peter: The Techniques of Tablet Weaving, London 1982.
  • Hansen, Egon: Tablet Weaving – History, Techniques, Colours, Højbjerg 1990.
  • Lehmann-Filhés, Margarethe: Über Brettchenweberei, Berlin 1902.
  • Schlabow, Karl: Die Kunst des Brettchenwebens, 1957.
  • Staudigel, Otfried: Der Zauber des Brettchenwebens, 2000.
  • Wollny, Claudia: Tablets at Work, Hürth 2017.

Experimentelle Archäologie & Rekonstruktion

  • Crumbach, Sylvia: Mit dem Webstuhl in die Vorzeit!, in: Experimentelle Archäologie in Europa – Bilanz 2014, S. 194–203.
  • Spies, Nancy: Ecclesiastical Pomp & Aristocratic Circumstance, Jarretsville 2000.
  • Wollny, Claudia: Die fabelhafte Welt der brettchengewebten Stola und des Manipels zu St. Donat, Arlon, Eigenverlag 2015.
  • Ungerechts, Silvia: Es gibt verschiedene Webanleitungen im Etsy-Shop zu kaufen

Digitale Quellen


Hinweis

Diese Literaturliste wächst kontinuierlich. Sie umfasst sowohl grundlegende Werke zur Technik als auch archäologische Berichte, experimentelle Rekonstruktionen und spezialisierte Fachpublikationen.


🌐 Online-Ressourcen


🧶 Bezugsquellen für Material

Garn & Fasern

Brettchen & Zubehör

  • Jens Neumann (Webstühle, Material) www.brettchenweber-shop.de
  • Jorgen Knochenschnitzer auf Facebook (Webschiffchen, Knochenbrettchen)

Gruppen auf Facebook


🛠 Empfehlungen aus der Praxis

  • Meine bevorzugten Garnstärken sind Wolle 20/2 – ich schwöre auf die Garne von Marled Mader
  • Wer fertige Musteranleitungen sucht – wird auf jeden Fall bei Silvia Aisling fündig
  • Jens Neumann vom Brettchenweber-Shop hat die tollsten Webrahmen (ich liebe den kleinen „Bardolino“)

Meine gewebten Bänder

Hier zeige ich meine fertigen Borten – moderne, freie Arbeiten ebenso wie rekonstruktive Bänder, die aus historischen Vorbildern entstanden sind. Jede Borte erzählt ihre eigene Geschichte: Material, Farben, Technik, Herausforderungen und kleine Freuden. Eine Sammlung, die wächst – ganz in meinem eigenen Tempo.

Rekonstruktionen & und Fundnahe Projekte

HallTex 123a

Eine Brettchenborte, die ich vor 2020 gewebt habe. Die Wolle ist pflanzengefärbt und stammt von Marled Mader. Der Schussfaden besteht aus dem Schweifhaar meines Pferdes. Man sieht gut am Dreieck, dass ich die Borte an einigen Stellen etwas zu langgezogen gewebt habe.

Dieses Muster mit den Dreiecken kommt öfter in der Eisenzeit vor und ich mag es sehr

Hintergrundinfos zum archäologischen Fund gibt es hier: Brettchenborten aus Hallstatt

Sint Truiden (Tx 107a)

Diese Borte aus Köper mit Broschierung stammt aus der Abtei von Sint Truiden in Belgien. Sie gehörte zu einer Reliquiensammlung. Ich habe die Borte vor ein paar Jahren gewebt, weil ich unbedingt die Technik des Broschierens ausprobieren wollte. Im Original bestand sie aus Seide mit Goldfäden broschiert. 2,3 cm breit und 14 cm lang.

Hintergrundinfos zum archäologischen Fund gibt es hier: Borten im mittelalterlichen Kirchenkontext

Historisch inspirierte Borten

Alvastra

Diese Borte wurde von mir 2019 in einem Kurs bei Sylvia Crumbach begonnen. Im Original ist die Borte mit Goldlahn broschiert und wurde für den Kurs umgeschrieben.

Ich habe das Band mit 17 Musterkarten und 4 Randkarten in einfacher Köpertechnik gewebt.

Hintergrundinfos zum archäologischen Fund gibt es hier: Mittelalterliche Borten

Übungsstücke und Proben

  • Abschlussborte als Präsentationsstück

Rekonstruktion und Verständnis

Diese Seite widme ich der archäologischen Seite des Brettchenwebens – der Rekonstruktion. Hier geht es nicht um Webbriefe oder Anleitungen, sondern darum, historische Muster zu verstehen, nachzuvollziehen und über praktisches Arbeiten zu erforschen. Ich zeige, wie ich Funde interpretiere, welche Schlüsse ich daraus ziehe und welche Fragen beim Weben entstehen. Archäologie im Tun – mein persönlicher Zugang.

Brettchengewebe der Eisenzeit

Hallstatt

Im Salzbergwerk in Hallstatt, Österreich, und einem dazugehörigen Gräberfeld sind viele textile Fragmente erhalten geblieben, aufgrund der besonderen Konservierungsbedingungen im Salz. Viele der gefundenen Borten sind in der Köpertechnik gewebt worden. Bei einigen wurden die verwendeten Farbstoffe analysiert. Nach Hallstatt ist ein ganzer Zeitabschnitt der älteren Eisenzeit benannt worden, die Hallstattzeit (800 – 475 v. Chr.)

Ich habe bisher Halltex 186, Halltex 123a und Halltex 136/1 nachgewebt.

Halltex 123a

Wurde im Original mit 21 Brettchen gewebt. Höhe 1,3 cm, Material Wolle und Schussfaden Pferdehaar.

Im Original ist die Borte als Abschluss eines Ärmels verwendet worden.

Hochdorf

In Hochdorf wurde unter einem Grabhügel das reich ausgestattete Grab eines Keltenfürsten gefunden, inklusive vieler Textilreste. Besonders sind die Borten, die mit ausgelassenem Einzug gewebt wurden. Die Borte TK 7c vom Kessel habe ich nachgewebt.

Brettchenborten des Mittelalters

Alvastra – Schweden

In Alvastra steht eine Abtei aus dem 12. Jahrhundert. Bei Ausgrabungen wurden in der Kirche Bestattungen gefunden und einer der verstorbenen hatte Reste einer Brettchenborte bei sich, wahrscheinlich ein Überrest seiner Kleidung, die vergangen ist.

🕍 Die Textilschätze von Sint-Truiden

Die Abtei Sint-Truiden in Belgien birgt einen der bedeutendsten mittelalterlichen Textilfunde Europas. Insgesamt 29 broschierte Brettchengewebe konnten dort geborgen werden – schmale, kostbare Bänder aus Seide, Gold- und Silberfäden, die einst Reliquien und liturgische Gewänder schmückten.

Die Stücke stammen überwiegend aus dem 13. und 14. Jahrhundert und zeigen eine bemerkenswerte Vielfalt: von strengen geometrischen Formen über florale Motive bis hin zu heraldischen Darstellungen wie Burgen und Wappen.

Trotz ihrer dekorativen Wirkung sind viele Bänder technisch schlicht ausgeführt. Sie repräsentieren eine Zeit, in der die Brettchenweberei bereits im Niedergang war – und gerade diese Mischung aus Feinheit und Unregelmäßigkeit macht sie so besonders und authentisch.

Die Funde aus St. Truiden bieten eine seltene Gelegenheit, spätmittelalterliche Brettchengewebe direkt zu studieren und nachvollziehbar zu rekonstruieren.


🧵 Technik und Besonderheiten der St.-Truiden-Borten

Alle Bänder aus St. Truiden besitzen dieselbe technische Grundlage: eine klassische S/Z-wechselnde Brettchenbindung, die eine feine, gerippte Oberfläche erzeugt. Darüber liegen broschierte Schussfäden, meist aus vergoldetem Silber oder farbiger Seide.

Typisch für diese Borten sind:

  • Maße: 0,4–2,5 cm Breite, 36–160 Kettfäden
  • Schussdichte: 10–20 Picks/cm
  • Brokatführung: meist ein Schussfaden pro Reihe, teilweise in zwei Farben
  • Flottungsfang: zu lange Broschur-Fäden werden unter einzelnen Kettfäden eingehängt
  • Unregelmäßigkeiten: Muster sind oft asymmetrisch oder „schief“ – ein Kennzeichen der Originale

Einige Bänder zeigen eine gleichmäßige Abfolge geometrischer Formen, andere sind spielerisch, fast improvisiert aufgebaut. Besonders spannend ist ein Stück (Cat. 136), das Hinweise auf einen „warp spacing device“ enthält – möglicherweise ein Abstandshalter oder Schärbrett, das die Fäden in Position hielt.

Diese technischen Details helfen, die Borten nicht nur ästhetisch, sondern auch handwerklich korrekt zu rekonstruieren.

Literatur:

  • Nancy Spies: Ecclesial pomp & aristocratic circumstance 2000
  • Sorber
  • Link zur Datenbank der Kunstschätze Belgiens

👉 https://balat.kikirpa.be/search

Aktuelle Webprojekte

Auf dieser Seite zeige ich, was gerade auf meinem Webrahmen liegt. Laufende Arbeiten, Zwischenstände, erste Muster, Gedanken zum Fortschritt und kleine Einblicke in den Prozess. Ein Werkstatt-Tagebuch – spontan, ehrlich und ein bisschen chaotisch, genau wie das Weben manchmal ist.

🧵 Mittelalterliches UFO – meine Sint-Truiden-Borte

Manchmal führen einen die Wege der Recherche an völlig unerwartete Orte.
Vor einigen Jahren war ich auf der Suche nach historischen Brettchenborten und bin dabei zufällig auf die belgische Datenbank BALaT gestoßen. Dort fand ich einen Schatz: eine Reihe mittelalterlicher broschierter Borten aus der Abtei Sint-Truiden.

Eine davon hat mich sofort fasziniert: klare geometrische Formen, feine Seide, leuchtende Farben. Ein typisches Brettchengewebe des 13. Jahrhunderts – und für mich eine wunderbare Abwechslung zur Eisenzeit.

Also begann ich, das Muster nachzuweben.
Enthusiastisch, neugierig, voller Freude. Und wie das manchmal passiert, wanderte das Projekt dann irgendwann in meine Kiste der „UFOs“ – UnFertige Objekte.

Jetzt, Jahre später, ist es beim Durchsehen meiner Fotos wieder aufgetaucht. Und plötzlich war die Begeisterung wieder da. Diese Borte möchte ich unbedingt fertigstellen. Nicht nur, weil sie historisch spannend ist, sondern weil sie mich mit einem echten mittelalterlichen Textil verbindet.

Hier also mein aktuelles Werkstück – reaktiviert, entstaubt und bereit weiterzuwachsen.

Originalfund:
Brettchengewebe aus der Abtei Sint-Truiden (Belgien), 13. Jh.
Quelle: BALaT / KIK-IRPA (CC BY 4.0)
Hintergrundinformationen folgen später auf der Seite „Rekonstruktion & Verständnis“.

Fortsetzung folgt …