Karl Friedrich und August Gottlieb – Vater und Sohn zwischen Enger und Quincy
Zwei Generationen, zwei Ozeanüberquerungen, ein gemeinsamer Traum:
die Suche nach einem besseren Leben – und die Rückkehr in die Erinnerung.
🧵 Enger im 19. Jahrhundert – Weber im Wandel
Als Karl Friedrich Schuler, geboren 1854 in Enger (Westfalen), das Handwerk des Leinwebers erlernte, steckte sein Beruf bereits in der Krise.
Im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts brach in ganz Westfalen die traditionelle Hausweberei zusammen.
Mechanische Webstühle und Fabrikarbeit verdrängten das alte Handwerk.
Viele Familien verloren ihr Einkommen, Armut und Auswanderung prägten die Zeit.
Karl Friedrich heiratete Hanna Friederike Mayländer (geb. 1857 in Enger) und gründete eine Familie.
Zu ihren Kindern gehörten u. a.
- Johann Hermann Schuler, geb. 1883 in Enger, später Zigarrenfabrikant,
- sowie weitere, von denen eines vermutlich in Deutschland blieb, als die Familie aufbrach.
⚓ Krefeld und Rotterdam – Der Weg in die Ferne
Um Arbeit zu finden, zog die Familie in den frühen 1880er-Jahren nach Krefeld,
damals ein Zentrum der Textilindustrie.
Doch auch dort war das Leben unsicher – niedrige Löhne, enge Wohnungen, Kinderarbeit.
So fiel 1884 die Entscheidung zur Auswanderung.
Über Rotterdam, den großen europäischen Auswandererhafen,
traten Karl Friedrich, Hanna Friederike und die älteren Kinder die Überfahrt in die Vereinigten Staaten an.
Zurück blieb mindestens ein Kind – vielleicht zu jung oder zu schwach für die Reise, vielleicht bei Verwandten in Enger.
🌎 Quincy, Illinois – Ein Kind zwischen den Welten
Ziel war Quincy am Mississippi, eine Stadt mit starker deutscher Einwanderergemeinschaft und Arbeitsmöglichkeiten in der Textilproduktion und bei der Eisenbahn.
Hier kam am 21. März 1886 ihr Sohn August Gottlieb Schuler zur Welt –
ein Kind, das in Amerika geboren wurde, aber in deutscher Sprache aufwuchs.
Doch die Hoffnungen erfüllten sich nur teilweise.
Die Arbeit war hart, die Löhne niedrig, die Lebensumstände schwierig.
Nach wenigen Jahren, um 1888, entschloss sich die Familie zur Rückkehr nach Europa.
🚢 Zwischenstation Rotterdam – Jahre des Übergangs
Nach der Rückkehr blieb die Familie mehrere Jahre in Rotterdam.
Ob sie dort auf eine erneute Überfahrt hofften oder Arbeit im Hafen- oder Textilbereich fanden, lässt sich heute nur vermuten.
In den dortigen Melde- und Kirchenbüchern könnten noch Spuren liegen, die eines Tages mehr verraten über diese Übergangszeit –
eine Zwischenstation zwischen Aufbruch und Heimkehr.
Erst danach zog die Familie endgültig zurück nach Enger, wo Karl Friedrich wieder als Weber und Handwerker tätig war.
🌍 Die zweite Generation – Wieder über den Ozean
Der in Quincy geborene August Gottlieb Schuler sollte Jahre später, mit 25 Jahren nach dem Tod seines Vaters, selbst nach Amerika gehen – vielleicht aus derselben Sehnsucht nach Freiheit und neuen Möglichkeiten, die schon seinen Vater getrieben hatte.
So wiederholte sich die Geschichte:
Zwei Generationen, zwei Reisen, eine fortwährende Verbindung über den Atlantik.
💬 Fazit
Die Geschichte der Familie Schuler ist mehr als eine genealogische Notiz.
Sie steht exemplarisch für viele Familien aus Enger und dem Ravensberger Land,
die im Zuge der Industrialisierung ihre Heimat verließen,
Arbeit in den Textilfabriken suchten und zwischen Hoffnung und Entbehrung lebten.
Zwischen Enger, Rotterdam und Quincy spannt sich ein Bogen aus Mut, Verlust und Heimkehr –
und die Erinnerung daran lebt in den Archiven, Kirchenbüchern und Erzählungen weiter.
📚 Forschungshinweise & Quellen
- Kirchenbücher Enger (Taufen, Heiraten, Sterberegister, ev.-luth. Gemeinde)
- Melderegister Krefeld (Aufenthaltsnachweise um 1880–1884)
- Passagierlisten Rotterdam – New York bzw. Rotterdam – Baltimore (um 1884)
- Census Quincy (Adams County, Illinois) 1885 ff.
- Melde- und Kirchenbücher Rotterdam (Rückkehrer aus den USA, ca. 1888–1895)
- Standesregister Enger nach 1890