Geschichte des Brettchenwebens

Auf dieser Seite sammle ich historische Hintergründe zum Brettchenweben: Woher kommt die Technik? In welchen Kulturen wurde sie genutzt? Welche Funde sind besonders interessant? Ich gebe einen Überblick über verschiedene Epochen und zeige, wie sich Stil, Muster und Materialien im Laufe der Zeit verändert haben – ohne Anspruch auf Vollständigkeit, sondern als verständlicher Überblick aus archäologischer Sicht.

Früheste Hinweise (Kupferzeit – Bronzezeit)

Die ältesten möglichen Indizien stammen aus der Kupferzeit der iberischen Halbinsel: kleine quadratische Kärtchen aus Keramik mit Durchbohrungen. Ein weiteres frühes Brettchen aus Knochen wurde im Kreis Göttingen gefunden (Frühe Bronzezeit).
Einzelfunde solcher gelochten Plättchen müssen jedoch vorsichtig interpretiert werden – sie können auch zum Herstellen von Kordeln oder Seilen genutzt worden sein.

Mit Beginn der frühen Eisenzeit häufen sich dann Brettchenfunde in Italien, Spanien, Deutschland, Dänemark, Polen, England und Litauen. Auch textile Fragmente treten häufiger auf. Ein herausragendes Beispiel ist der Fundort El Cigarralejo in Spanien, wo fünf hölzerne Brettchen zusammen mit einer gewebten Anfangskante gefunden wurden (400–375 v. Chr.).

Zeichnung aus Hundt, El Cigarralejo, S. 192 Abb. 5

Sichere Belege für das eigentliche Brettchenweben existieren ab dem 10. Jh. v. Chr. aus der Villanova-Kultur Italiens. Griechische und römische Kontexte dagegen liefern bislang keine Nachweise – vermutlich gelangte die Technik aus dem etruskisch-keltischen Raum nördlich der Alpen.


Eisenzeit – Hallstatt- und Latènekultur

Aus der Hallstattzeit (Ha D1/D2) kennen wir zahlreiche Textilfragmente aus reich ausgestatteten Gräbern und aus Salzbergwerken. Besonders hervorzuheben ist das berühmte Fürstengrab von Hochdorf/Enz, analysiert von Hans-Jürgen Hundt und Johanna Banck-Burgess. Dort fanden sich farbenprächtige, technisch äußerst anspruchsvolle Brettchengewebe.

Typische Merkmale dieser Zeit:

  • geometrische Musterzonen
  • Swastiken, Mäanderrauten, -kreuze
  • Abschlusskanten, die angenäht oder angewebt wurden
  • überwiegend Köpertechnik, oft mehrfarbig
  • teilweise ausgelassene Löcher (nicht alle Brettchen vollständig gefädelt)
  • in Hochdorf zusätzliche Schling- und Broschierfäden
  • Materialien: extrem fein versponnene Wolle, Pflanzenfasern, Pferdehaar

Berühmt ist z. B. die Ärmelborte vom Dürrnberg, ein Musterbeispiel für eisenzeitliche Brettchenweberei.

Muster aus dem Salzbergwerk in Hallstatt Halltex 186

Germanen der Römischen Kaiserzeit

Aus Moorfunden Norddeutschlands sind zahlreiche schlichte bis prunkvolle Borten erhalten. Herausragend sind die sogenannten „Prachtmäntel“.

Der Thorsberger Mantel (3. Jh. n. Chr.)

  • rechteckiger Mantel: 168 × 263 cm
  • alle vier Kanten mit Brettchengewebe eingefasst
  • Seitenborten bis zu 17,8 cm breit, gewebt mit 178 Brettchen
  • extrem feines Garn (0,2–0,3 mm)
  • vollständige Verbindung von Stoff und Borte durch Verbindung der Kett-/Schussfäden
  • Herstellungszeit laut Karl Schlabow: ca. ein Jahr für zwei Weberinnen
  • Ähnlich beeindruckend ist der Mantel aus dem Vehnemoor.
    Andere Mäntel dieser Epoche besitzen schmalere Borten mit bis zu 27 Brettchen.

Spätantike bis Mittelalter

In Wikingergräbern (z. B. Birka, Mammen, Snartemo) wurden komplexe Brettchengewebe gefunden – mit Köpertechniken, Flottierung und Broschierfäden.

Einzigartig ist der Fund aus Oseberg (Norwegen):
Eine vollständig aufgezogene Brettchenkette mit 52 Brettchen – der einzige vollständige Fund seiner Art weltweit.

Aufgezogenes Band mit 52 Brettchen aus dem Osebergschiffsgrab 1904. Foto: O. Væring. KHM, UiO. 

Frühmittelalter

Mit dem Aufkommen neuer Handelswege gelangt Seide in großen Mengen nach Europa. Brettchenweberinnen kombinieren sie nun mit:

  • Leinen
  • Gold- und Silberlahn
  • Broschiertechnik als Musterfadenführung

Klöster und Stifte fertigen kostbare Borten für liturgische Gewänder.

Spätmittelalter

Ab dem 13./14. Jh. werden die Bänder zunehmend schlichter. Die Köpertechnik bleibt wegen ihrer Stabilität beliebt.

Ein besonders wertvoller Beleg ist der Codex Palatinus Germanicus 551 (ca. 1460) mit 325 Musteranleitungen, wahrscheinlich von Nonnen für die textile Ausbildung junger Frauen niedergeschrieben.


Von der Industrialisierung zum Vergessen

Mit dem Aufkommen neuer Webtechniken im Spätmittelalter und der frühen Industrialisierung verliert das Brettchenweben in Mitteleuropa an Bedeutung. Außerhalb Europas – und möglicherweise in Teilen Skandinaviens – blieb die Technik bis ins 20. Jahrhundert in Gebrauch.


Wiederentdeckung im 19. und 20. Jahrhundert

Der Begriff „Brettchenweben“ stammt von Margarethe Lehmann-Filhés, die Ende des 19. Jahrhunderts erstmals darüber veröffentlichte. Bei Forschungen in Island fand sie ein unvollendetes Webstück mit originalen Holzbrettchen im Museum in Kopenhagen – und prägte daraufhin den deutschen Begriff.

Im 20. Jahrhundert folgten zwei große Revivals:

  • 1930/40er Jahre: Schulunterricht & Volkskunde
  • 1970er Jahre: Hobby- und Handarbeitsliteratur, Musterbücher

Museen, Rekonstruktionsprojekte (z. B. Lejre in Dänemark), Märkte und Mittelalterfeste machten die Technik wieder einer breiten Öffentlichkeit zugänglich.
In der Forschung gewann Brettchenweben u. a. durch das NESAT-Symposium neue Bedeutung.


Heutige Bedeutung

Heute ist Brettchenweben eine lebendige Technik:

  • in Museen
  • in der experimentellen Archäologie
  • in der Reenactmentszene
  • in der Textilforschung
  • in Handarbeitskursen und Hobbygruppen

Viele traditionelle Muster werden rekonstruiert, erforscht oder weiterentwickelt – oft in enger Zusammenarbeit zwischen Archäologie und Webenden.