Von verdrehten Brettchen, rauchenden Köpfen und kleinen Erfolgserlebnissen

Ein Wochenende mit historischem Brettchenweben auf der Zeiteninsel

Manchmal frage ich mich, ob ich meinen Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmern eigentlich zu viel zumute.

Da sitzen sechs interessierte Menschen vor mir, die gerne Brettchenweben lernen möchten. Und statt einfach ein paar Fäden aufzuspannen und loszulegen, komme ich erst einmal mit Geschichte, Technik, Drehrichtungen, Brettchenstellungen und Webbriefen um die Ecke.

Aber was soll ich machen? Ich möchte nun einmal historisches Brettchenweben vermitteln. Und dazu gehört für mich mehr, als am Ende eine hübsche Borte in den Händen zu halten. Ich möchte, dass die Menschen verstehen, was sie da eigentlich tun.

Am 17. und 18. Oktober war es wieder so weit. Zwei Tage lang drehte sich auf der Zeiteninsel alles um dieses wunderbare alte Handwerk.

Erst einmal die Grundlagen

Für den Kurs hatte ich drei historische Muster vorbereitet: die Vögelchen von einem Siegelband aus Durham, ein koptisches Muster aus Ägypten und natürlich eines meiner geliebten Hallstatt-Dreiecksmuster. Das Dreieck muss einfach sein!

Der erste Tag war intensiv. Wir beschäftigten uns mit dem Aufbau der Kette, der Stellung der Brettchen, den Drehrichtungen und vor allem damit, wie sich ein Webbrief entwickeln, lesen und verstehen lässt.

Ich weiß, dass das anstrengend ist. Und ich frage mich jedes Mal, ob ich damit nicht vielleicht den einen oder anderen Menschen abschrecke.

Am Sonntag haben wir deshalb zunächst darüber gesprochen, wie es allen ergangen war. Und tatsächlich waren sich alle einig: Der Samstag war anstrengend gewesen. Aber sie konnten auch nachvollziehen, warum ich so viel Wert auf die Grundlagen lege.

Das hat mich ein wenig beruhigt.

Wenn aus Theorie plötzlich ein Muster wird

Am zweiten Tag wurde vor allem gewebt. Und das ist für mich immer der schönste Teil eines solchen Kurses.

Da entstehen plötzlich diese kleinen Erfolgserlebnisse. Eine Teilnehmerin saß ganz still und konzentriert an ihrer Arbeit und hatte irgendwann bereits drei der kleinen Vögelchen gewebt. Großartig!

Bei einer anderen, die sich für das koptische Muster entschieden hatte, setzte ich mich dazu und webte ein Stück mit ihr. Dabei erklärte ich laut, was ich gerade tat, worauf ich achtete und woran ich erkannte, ob die Brettchen richtig standen oder die nächste Farbe an der richtigen Stelle erschien.

Manchmal hilft es eben, nicht nur zu zeigen, wie etwas funktioniert, sondern auch zu erklären, was im eigenen Kopf dabei passiert.

Besonders faszinierend fand ich eine Teilnehmerin, die sich ein völlig eigenes Schema erarbeitet hatte. Ich gebe offen zu: Ich habe es nicht richtig durchschaut. Aber für sie funktionierte es!

Das war für mich eine schöne Erinnerung daran, wie unterschiedlich Menschen lernen und denken. Es gibt eben nicht nur einen Weg zum Verständnis.

Mehr als Fäden und Brettchen

Was mir von diesem Wochenende besonders in Erinnerung bleiben wird, sind die Menschen.

Wir hatten eine ausgesprochen harmonische Gruppe. Es wurde gewebt, gefragt, diskutiert, gelacht und Wissen ausgetauscht. Einige kamen aus der Mittelalterszene und hatten vielleicht etwas anderes erwartet. Denn modernes Brettchenweben und meine Beschäftigung mit den historischen Techniken sind nicht unbedingt dasselbe.

Ich weiß auch, dass vermutlich nicht alle weitermachen werden. Zwei der sechs Teilnehmenden werden sich wahrscheinlich anderen Dingen zuwenden. Aber bei drei oder vier Menschen könnte ich mir durchaus vorstellen, dass sie das historische Brettchenweben weiterverfolgen.

Und das wäre doch wunderbar!

Ganz nebenbei ergaben sich noch andere schöne Begegnungen. Eine Teilnehmerin brachte mir Krapp mit, den wir am Nachmittag gleich im Färberbeet unserer Eisenzeit einpflanzten. Eine andere interessiert sich für unsere AG Lebendige Archäologie.

Und besonders gefreut habe ich mich, dass sich eine Teilnehmerin gleich für meinen nächsten VHS-Kurs zum Korbflechten angemeldet hat. Damit war auch der letzte der zehn Plätze vergeben.

Offenbar habe ich die Menschen mit meiner Begeisterung für alte Handwerkstechniken nicht völlig verschreckt.

Wie geht es weiter?

Für Februar 2027 plane ich ein Brettchenweber-Treffen. Dabei soll es Gelegenheit geben, gemeinsam zu weben, Erfahrungen auszutauschen, Muster zu besprechen und voneinander zu lernen.

Wer Interesse hat, kann sich gerne bei mir melden. Ich freue mich über Kontakte zu Menschen, die sich mit dem Brettchenweben beschäftigen, ganz besonders natürlich mit den historischen Techniken.

Was bleibt?

Nach zwei Tagen war ich müde. Sehr müde sogar. Aber auch zufrieden.

Ich hatte sechs interessante Menschen kennengelernt, mit ihnen gearbeitet, Erfahrungen ausgetauscht und hoffentlich ein bisschen von meiner Begeisterung weitergeben können.

Vielleicht werden einige von ihnen künftig selbst historische Borten weben. Vielleicht begegnen wir uns beim Brettchenweber-Treffen wieder. Vielleicht bleibt es für andere einfach bei der Erinnerung an zwei intensive Tage.

Das ist alles in Ordnung.

Denn am Ende geht es mir nicht darum, möglichst viele neue Brettchenweberinnen und Brettchenweber zu produzieren.

Es geht mir darum, Wissen weiterzugeben, neugierig zu machen und gemeinsam Freude an einem alten Handwerk zu haben.

Und genau das ist an diesem Wochenende gelungen.

Ein Tag voller Archäologie, Überraschungen und alter Bekannter – hessenARCHÄOLOGIE-Tag 2026

24. Oktober 2026 | Seligenstadt am Main

Manchmal fährt man zu einer Veranstaltung mit bestimmten Erwartungen und kommt mit ganz anderen Eindrücken zurück. So ging es mir beim diesjährigen hessenARCHÄOLOGIE-Tag in Seligenstadt.

Seligenstadt? Südhessen? Da dachte ich zunächst natürlich an die Römer. Stattdessen erwartete mich eine wunderschöne mittelalterlich geprägte Stadt mit einer beeindruckenden Klosteranlage, einer hübschen Altstadt, einem lebendigen Marktplatz und jeder Menge Restaurants und Cafés. Sogar Markt war an diesem Samstag. Für einen ausgiebigen Stadtbummel blieb leider keine Zeit, aber was ich gesehen habe, hat mir ausgesprochen gut gefallen.

Seligenstadt trägt übrigens den Beinamen Einhardstadt. Einhard war ein enger Vertrauter und Biograf Karls des Großen und erhielt den Ort im 9. Jahrhundert als Schenkung. Er ließ hier eine Basilika errichten, aus der sich die spätere Klosteranlage entwickelte. Wieder etwas gelernt!

Von den Römern bis ins Mittelalter

Das Vortragsprogramm war auch in diesem Jahr ausgesprochen vielfältig, wobei die römische Geschichte diesmal einen recht großen Raum einnahm. Die Vor- und Frühgeschichte kam für meinen Geschmack etwas kurz, aber ich bin ja flexibel. Schließlich kann ich mich auch für mittelalterliche Burgen begeistern.

Besonders gefreut habe ich mich über den Vortrag von Christa Meiborg zu den römischen Marschlagern bei Niederweimar. Den Vortrag hatte ich bereits in Lohra gehört, aber ich fand es großartig, die Ergebnisse noch einmal präsentiert zu bekommen.

Gleich drei römische Marschlager in unserer unmittelbaren Nachbarschaft! Das muss man sich einmal vorstellen. Gerade wenn man sich beruflich und privat viel mit der Geschichte der Region beschäftigt, sind solche Erkenntnisse einfach faszinierend. Und natürlich liegt auch die Zeiteninsel nicht weit entfernt.

Spannend fand ich außerdem die Berichte über die Ausgrabungen in Karben-Okarben. Dort kommen bei den archäologischen Untersuchungen immer wieder Hinterlassenschaften ganz unterschiedlicher Epochen ans Licht. Solche Fundstellen zeigen besonders eindrucksvoll, wie viele Generationen vor uns dieselben Landschaften genutzt und verändert haben.

Archäogenetik – und plötzlich wird es richtig lustig

Eine meiner größten Überraschungen des Tages war ausgerechnet ein Vortrag über Archäogenetik.

Ich gebe zu: Genetische Untersuchungen, statistische Berechnungen und komplizierte Diagramme gehören normalerweise nicht zu meinen bevorzugten Themen. Aber dieser Referent war schlichtweg großartig!

Mit unglaublich viel Humor und einer wunderbaren Art zu erzählen gelang es ihm, selbst die komplizierten Zusammenhänge verständlich zu machen. Wir haben teilweise Tränen gelacht.

Dabei war das Thema ausgesprochen spannend. Es ging um genetische Untersuchungen an frühmittelalterlichen Gräberfeldern und um die Frage, woher die dort bestatteten Menschen eigentlich stammten.

Gerade für die Zeit zwischen dem 5. und 7. Jahrhundert nach Christus zeigen solche Untersuchungen, wie vielfältig die Bevölkerung zusammengesetzt war. Die Vorstellung von klar voneinander abgegrenzten Gruppen wie Römern, Germanen oder Alamannen wird dadurch erheblich komplizierter.

Menschen waren unterwegs, kamen aus unterschiedlichen Regionen, ließen sich anderswo nieder und gründeten Familien. Nicht immer waren es ganze Völker, die geschlossen durch Europa wanderten. Oft waren es einzelne Menschen oder kleinere Gruppen, die sich auf den Weg machten.

Für mich war das einer dieser Vorträge, bei denen man vorher denkt: Na gut, hören wir uns das einmal an. Und hinterher ist man völlig begeistert.

Burg Staufenberg – ein Stück Heimat

Ein weiterer Vortrag führte zur Burg Staufenberg. Und damit war ich gedanklich plötzlich wieder in einer Gegend, die für mich ganz viele Erinnerungen bereithält.

Wer regelmäßig auf der B3 in Richtung Marburg unterwegs ist, kennt die Burg, die weithin sichtbar über dem Lahntal liegt. Für mich war sie über viele Jahre ein vertrauter Anblick.

Ich habe lange in der Gegend gewohnt. Die Burg war ein beliebtes Ziel für Spaziergänge und Radtouren, und natürlich war ich auch bei Burgfesten und zum Essen dort. Sogar eine Geburtstagsfeier meiner Mutter fand, wenn ich mich richtig erinnere, einmal im Burgrestaurant statt.

Auch archäologisch ist die Umgebung interessant. In der Nähe von Treis befindet sich beispielsweise eine Fundstelle mit einem Abri, die wir vor einigen Jahren bei einem Ausflug mit der Zeiteninsel besucht haben.

Der Vortrag über die Entstehung und Geschichte der Burg war deshalb für mich mehr als nur ein weiterer Programmpunkt. Er war auch eine kleine Reise in die eigene Vergangenheit.

Manchmal ist Archäologie eben nicht nur die Geschichte längst vergangener Menschen, sondern berührt auch die eigene Lebensgeschichte.

Wiedersehen mit alten Bekannten

Was ich an solchen Veranstaltungen besonders schätze, sind die Begegnungen mit Menschen, die ich teilweise schon seit vielen Jahren kenne.

Auch diesmal gab es wieder reichlich Gelegenheit zum Austausch. Ich habe Kolleginnen und Kollegen aus Fulda, vom Glauberg und von der Saalburg getroffen. Wir haben Neuigkeiten ausgetauscht, über gemeinsame Projekte gesprochen und natürlich auch einfach ein bisschen geschwätzt.

Mit einer Kollegin aus Fulda habe ich beispielsweise schon über eine mögliche Beteiligung der Zeiteninsel an einem kommenden Museumsfest gesprochen. Und sie möchte unbedingt einmal unser inzwischen eröffnetes Museum besuchen.

Ein bisschen wehmütig wurde es beim Abschied von Christa Meiborg, die nun in den Ruhestand geht. Sie gehört zu den Menschen, denen man über viele Jahre immer wieder begegnet ist und von deren Arbeit und Wissen man viel mitgenommen hat.

Da merkt man plötzlich, wie lange man selbst schon in dieser archäologischen Welt unterwegs ist.

Ein neues Buch muss natürlich mit

Was wäre ein hessenARCHÄOLOGIE-Tag ohne den neuesten Band der hessenARCHÄOLOGIE?

Natürlich habe ich mir auch in diesem Jahr das aktuelle Exemplar gekauft. Darin gibt es wieder jede Menge Forschungsberichte und neue Erkenntnisse nachzulesen.

Und ich weiß jetzt schon, dass ich mich mit einigen der vorgestellten Themen noch intensiver beschäftigen werde. Solche Publikationen sind für mich immer eine wahre Fundgrube.

Bis zum nächsten Jahr!

Mein Besuch beim hessenARCHÄOLOGIE-Tag hat sich auf jeden Fall gelohnt.

Auch wenn diesmal nicht unbedingt meine bevorzugten vorgeschichtlichen Themen im Mittelpunkt standen, habe ich unglaublich viel Interessantes gehört, alte Bekannte getroffen, Neues gelernt und mich bestens unterhalten.

Und genau das macht für mich den Reiz solcher Veranstaltungen aus: Man fährt hin, um etwas über Archäologie zu erfahren, und kommt mit neuen Ideen, persönlichen Erinnerungen und manchmal auch mit einer völlig unerwarteten Begeisterung für Archäogenetik zurück.

Ich bin jedenfalls schon gespannt, wohin uns der nächste hessenARCHÄOLOGIE-Tag führen wird.