24. Oktober 2026 | Seligenstadt am Main
Manchmal fährt man zu einer Veranstaltung mit bestimmten Erwartungen und kommt mit ganz anderen Eindrücken zurück. So ging es mir beim diesjährigen hessenARCHÄOLOGIE-Tag in Seligenstadt.
Seligenstadt? Südhessen? Da dachte ich zunächst natürlich an die Römer. Stattdessen erwartete mich eine wunderschöne mittelalterlich geprägte Stadt mit einer beeindruckenden Klosteranlage, einer hübschen Altstadt, einem lebendigen Marktplatz und jeder Menge Restaurants und Cafés. Sogar Markt war an diesem Samstag. Für einen ausgiebigen Stadtbummel blieb leider keine Zeit, aber was ich gesehen habe, hat mir ausgesprochen gut gefallen.

Seligenstadt trägt übrigens den Beinamen Einhardstadt. Einhard war ein enger Vertrauter und Biograf Karls des Großen und erhielt den Ort im 9. Jahrhundert als Schenkung. Er ließ hier eine Basilika errichten, aus der sich die spätere Klosteranlage entwickelte. Wieder etwas gelernt!
Von den Römern bis ins Mittelalter
Das Vortragsprogramm war auch in diesem Jahr ausgesprochen vielfältig, wobei die römische Geschichte diesmal einen recht großen Raum einnahm. Die Vor- und Frühgeschichte kam für meinen Geschmack etwas kurz, aber ich bin ja flexibel. Schließlich kann ich mich auch für mittelalterliche Burgen begeistern.
Besonders gefreut habe ich mich über den Vortrag von Christa Meiborg zu den römischen Marschlagern bei Niederweimar. Den Vortrag hatte ich bereits in Lohra gehört, aber ich fand es großartig, die Ergebnisse noch einmal präsentiert zu bekommen.

Gleich drei römische Marschlager in unserer unmittelbaren Nachbarschaft! Das muss man sich einmal vorstellen. Gerade wenn man sich beruflich und privat viel mit der Geschichte der Region beschäftigt, sind solche Erkenntnisse einfach faszinierend. Und natürlich liegt auch die Zeiteninsel nicht weit entfernt.
Spannend fand ich außerdem die Berichte über die Ausgrabungen in Karben-Okarben. Dort kommen bei den archäologischen Untersuchungen immer wieder Hinterlassenschaften ganz unterschiedlicher Epochen ans Licht. Solche Fundstellen zeigen besonders eindrucksvoll, wie viele Generationen vor uns dieselben Landschaften genutzt und verändert haben.
Archäogenetik – und plötzlich wird es richtig lustig
Eine meiner größten Überraschungen des Tages war ausgerechnet ein Vortrag über Archäogenetik.
Ich gebe zu: Genetische Untersuchungen, statistische Berechnungen und komplizierte Diagramme gehören normalerweise nicht zu meinen bevorzugten Themen. Aber dieser Referent war schlichtweg großartig!
Mit unglaublich viel Humor und einer wunderbaren Art zu erzählen gelang es ihm, selbst die komplizierten Zusammenhänge verständlich zu machen. Wir haben teilweise Tränen gelacht.
Dabei war das Thema ausgesprochen spannend. Es ging um genetische Untersuchungen an frühmittelalterlichen Gräberfeldern und um die Frage, woher die dort bestatteten Menschen eigentlich stammten.
Gerade für die Zeit zwischen dem 5. und 7. Jahrhundert nach Christus zeigen solche Untersuchungen, wie vielfältig die Bevölkerung zusammengesetzt war. Die Vorstellung von klar voneinander abgegrenzten Gruppen wie Römern, Germanen oder Alamannen wird dadurch erheblich komplizierter.
Menschen waren unterwegs, kamen aus unterschiedlichen Regionen, ließen sich anderswo nieder und gründeten Familien. Nicht immer waren es ganze Völker, die geschlossen durch Europa wanderten. Oft waren es einzelne Menschen oder kleinere Gruppen, die sich auf den Weg machten.
Für mich war das einer dieser Vorträge, bei denen man vorher denkt: Na gut, hören wir uns das einmal an. Und hinterher ist man völlig begeistert.
Burg Staufenberg – ein Stück Heimat
Ein weiterer Vortrag führte zur Burg Staufenberg. Und damit war ich gedanklich plötzlich wieder in einer Gegend, die für mich ganz viele Erinnerungen bereithält.
Wer regelmäßig auf der B3 in Richtung Marburg unterwegs ist, kennt die Burg, die weithin sichtbar über dem Lahntal liegt. Für mich war sie über viele Jahre ein vertrauter Anblick.
Ich habe lange in der Gegend gewohnt. Die Burg war ein beliebtes Ziel für Spaziergänge und Radtouren, und natürlich war ich auch bei Burgfesten und zum Essen dort. Sogar eine Geburtstagsfeier meiner Mutter fand, wenn ich mich richtig erinnere, einmal im Burgrestaurant statt.
Auch archäologisch ist die Umgebung interessant. In der Nähe von Treis befindet sich beispielsweise eine Fundstelle mit einem Abri, die wir vor einigen Jahren bei einem Ausflug mit der Zeiteninsel besucht haben.
Der Vortrag über die Entstehung und Geschichte der Burg war deshalb für mich mehr als nur ein weiterer Programmpunkt. Er war auch eine kleine Reise in die eigene Vergangenheit.
Manchmal ist Archäologie eben nicht nur die Geschichte längst vergangener Menschen, sondern berührt auch die eigene Lebensgeschichte.

Wiedersehen mit alten Bekannten
Was ich an solchen Veranstaltungen besonders schätze, sind die Begegnungen mit Menschen, die ich teilweise schon seit vielen Jahren kenne.
Auch diesmal gab es wieder reichlich Gelegenheit zum Austausch. Ich habe Kolleginnen und Kollegen aus Fulda, vom Glauberg und von der Saalburg getroffen. Wir haben Neuigkeiten ausgetauscht, über gemeinsame Projekte gesprochen und natürlich auch einfach ein bisschen geschwätzt.
Mit einer Kollegin aus Fulda habe ich beispielsweise schon über eine mögliche Beteiligung der Zeiteninsel an einem kommenden Museumsfest gesprochen. Und sie möchte unbedingt einmal unser inzwischen eröffnetes Museum besuchen.
Ein bisschen wehmütig wurde es beim Abschied von Christa Meiborg, die nun in den Ruhestand geht. Sie gehört zu den Menschen, denen man über viele Jahre immer wieder begegnet ist und von deren Arbeit und Wissen man viel mitgenommen hat.
Da merkt man plötzlich, wie lange man selbst schon in dieser archäologischen Welt unterwegs ist.
Ein neues Buch muss natürlich mit
Was wäre ein hessenARCHÄOLOGIE-Tag ohne den neuesten Band der hessenARCHÄOLOGIE?
Natürlich habe ich mir auch in diesem Jahr das aktuelle Exemplar gekauft. Darin gibt es wieder jede Menge Forschungsberichte und neue Erkenntnisse nachzulesen.
Und ich weiß jetzt schon, dass ich mich mit einigen der vorgestellten Themen noch intensiver beschäftigen werde. Solche Publikationen sind für mich immer eine wahre Fundgrube.
Bis zum nächsten Jahr!
Mein Besuch beim hessenARCHÄOLOGIE-Tag hat sich auf jeden Fall gelohnt.
Auch wenn diesmal nicht unbedingt meine bevorzugten vorgeschichtlichen Themen im Mittelpunkt standen, habe ich unglaublich viel Interessantes gehört, alte Bekannte getroffen, Neues gelernt und mich bestens unterhalten.
Und genau das macht für mich den Reiz solcher Veranstaltungen aus: Man fährt hin, um etwas über Archäologie zu erfahren, und kommt mit neuen Ideen, persönlichen Erinnerungen und manchmal auch mit einer völlig unerwarteten Begeisterung für Archäogenetik zurück.
Ich bin jedenfalls schon gespannt, wohin uns der nächste hessenARCHÄOLOGIE-Tag führen wird.