Archäologisch unterwegs im Westerwald

Eigentlich war mein Ziel an diesem Samstag das Westerwälder Wollfest in Westerburg. Da ich meinen traditionellen Rundgang dort jedoch schneller beendet hatte als erwartet und das Wetter viel zu schön war, um einfach wieder nach Hause zu fahren, suchte ich spontan nach einem archäologischen Ziel in der Umgebung. So landete ich auf der Dornburg bei Frickhofen – einem Ort, von dem ich bereits bei Vorträgen auf Hessischen Archäologietagen gehört, den ich aber bisher nie selbst besucht hatte.

Keltisches Oppidum auf der Dornburg

Die Dornburg ist eine Basaltkuppe zwischen Frickhofen und Wilsenroth. Auf ihrem Plateau lag in der Eisenzeit eine befestigte Siedlung, die spätestens in der Spätlatènezeit den Charakter eines Oppidums hatte. Ursprünglich umfasste das Plateau etwa 37 Hektar. Durch den jahrzehntelangen Basaltabbau blieb davon nur ungefähr die Hälfte erhalten; auch große Teile der Befestigungsanlagen gingen verloren.

Ich wollte an diesem Tag gar nicht den gesamten Rundweg laufen. Mein erstes Ziel war das sogenannte „Ewige Eis“ am Südhang der Dornburg. Dort sorgen mächtige lockere Basaltschichten und besondere Luftströmungen dafür, dass sich im Untergrund selbst während der warmen Jahreszeit Eis halten kann. Entdeckt wurde das Phänomen 1839, als Arbeiter beim Abtragen von Basaltblöcken auf Vereisungen stießen. Heute führen zwei vergitterte Stollen in den Hang. Ich habe leider kein Eis gesehen, aber es kommt ein sehr kalter Luftzug aus den Stollen.

Oberhalb der Eisstollen fiel mir bereits eine markante, langgezogene Geländekante auf, die ich für einen Teil der eisenzeitlichen Befestigung hielt. Später bestätigte die Informationstafel am Hildegardisfelsen, dass der erhaltene Randwall genau in diesem Bereich verläuft.

Und dann begann der Aufstieg. Was auf der Karte recht harmlos aussah, entwickelte sich für mich zu einem durchaus sportlichen Unternehmen. Mehr als einmal fragte ich mich, ob ich wirklich noch weiter hinauf wollte. Aber ich war nun einmal unterwegs – und dann wollte ich auch wissen, was mich oben erwartete.

Unterwegs fiel mir schließlich eine lange, auffällig regelmäßige Geländekante auf. Hier war ich mir ziemlich sicher: Das musste ein Wall sein. Wenig später bestätigte mir die Informationstafel am Hildegardisfelsen, dass ich tatsächlich unmittelbar unterhalb der erhaltenen Befestigung entlanggelaufen war.

Der Hildegardisfelsen belohnte den Aufstieg mit einem weiten Blick über die Landschaft. Der Aussichtspunkt trägt seinen Namen nach einer mittelalterlichen Sage: Hildegard, die Tochter des Bürgermeisters der sagenhaften Stadt auf der Dornburg, soll ihren Geliebten Ruprecht aus der Gefangenschaft befreit und damit ungewollt den Untergang der Stadt ermöglicht haben. Aus Verzweiflung habe sie sich anschließend vom Felsen gestürzt.

Archäologisch interessanter war für mich allerdings die Tafel direkt am Aussichtspunkt. Sie zeigte den Verlauf des erhaltenen Randwalls und eines zusätzlichen Annexwalls. Damit war endgültig klar, dass die Geländestruktur, die mir vorher im Wald aufgefallen war, tatsächlich Teil der Befestigungsanlage war. Genau solche Momente liebe ich: erst versuchen, eine Landschaft selbst zu lesen – und anschließend überprüfen, ob man richtiglag.

Eigentlich hätte ich danach durchaus nach Hause fahren können. Aber wenn man schon einmal in der Gegend ist …

Ein Abstecher in die Jungsteinzeit

Nur wenige Kilometer entfernt liegt bei Hadamar-Niederzeuzheim ein jungsteinzeitliches Galeriegrab, der sogenannte „Hohle Stein“. Die hessischen Galeriegräber gehören zur Wartbergkultur der jüngeren Jungsteinzeit und entstanden etwa zwischen 3500 und 2800 v. Chr. Charakteristisch sind langgestreckte, in den Boden eingetiefte Grabkammern aus großen Steinplatten. Der Zugang erfolgte durch eine Türplatte mit einem kleinen runden oder ovalen Durchlass, dem sogenannten „Seelenloch“.

Das Niederzeuzheimer Grab ist etwa 6,6 Meter lang und 2,5 Meter breit. Seine Seitenwände bestehen aus jeweils vier aufgerichteten Basaltplatten; drei weitere Steine verschließen den Eingang im Südosten. Im Inneren sind sogar noch Reste der ursprünglichen Bodenpflasterung erhalten. Archäologisch untersucht wird die Anlage bereits seit 1911; eine genaue Dokumentation erfolgte 1954.

Besonders spannend fand ich die Informationstafeln zu den Bestattungssitten. Galeriegräber waren keine Gräber für einzelne Personen, sondern wurden über längere Zeit immer wieder genutzt. Die Verstorbenen wurden durch das „Seelenloch“ in die Kammer gebracht und dort niedergelegt. In manchen Anlagen fanden sich die Überreste von 200 bis 300 Menschen. Dabei handelte es sich nicht einfach um Beinhäuser: Die Toten wurden zunächst vollständig bestattet und die älteren Bestattungen erst im Laufe der weiteren Nutzung innerhalb der Kammer umgelagert. Häufig lagen die Verstorbenen mit dem Kopf in Richtung des Eingangs beziehungsweise des Seelenlochs.

Für mich war das ein schöner Anschluss an andere hessische Steinkammergräber, mit denen ich mich bereits beschäftigt hatte, etwa Lohra und Züschen. Aus einem spontanen Abstecher entstand damit ganz nebenbei auch wieder neues Material für das Wissens-Wiki der Zeiteninsel zu vorgeschichtlichen Bestattungen.

Schön war auch die Aussicht der Panorambank am Steinkammergrab auf die Dornburg. Es soll ja der Sage nach einen Verbindungsgang zum Kammergrab gegeben haben…

Am Abend war ich ziemlich erschöpft – aber sehr zufrieden. Aus einem Besuch beim Wollfest war ungeplant ein kleiner Archäologietag geworden: eine eisenzeitliche Befestigung, ein ungewöhnliches Naturphänomen, ein mittelalterlicher Sagenort und schließlich ein rund 5.000 Jahre altes Grab.

Manchmal sind gerade die ungeplanten Abstecher die besten.

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