Von Lyren, Pastinaken und den besten Gesprächen in den Pausen
Ein Wochenende unter Menschen, die sich für experimentelle Archäologie begeistern, alte Techniken ausprobieren, Rekonstruktionen hinterfragen und sich mit großer Leidenschaft darüber austauschen, was funktioniert – und was eben nicht. Genau das war die EXAR-Tagung 2026 in Weißenburg.
Rund 60 Menschen aus Museen, Forschung, Vermittlung und praktischer experimenteller Archäologie waren zusammengekommen. Es gab Exkursionen, Museumsbesuche, Vorträge, eine Mitgliederversammlung und einen sehr schönen Empfang mit der Oberbürgermeisterin. Überhaupt haben wir uns in Weißenburg ausgesprochen willkommen gefühlt. Dazu eine wunderschöne Altstadt, strahlender Sonnenschein und eine tolle Unterkunft – die Rahmenbedingungen hätten kaum besser sein können.

Einmal quer durch die experimentelle Archäologie
Das Spannende an den EXAR-Tagungen ist für mich immer wieder die enorme Bandbreite der Themen. Man hört Vorträge über Dinge, mit denen man sich selbst intensiv beschäftigt – und sitzt eine Stunde später bei einem Thema, von dem man vorher kaum etwas wusste.

Einige Vorträge sind mir besonders im Gedächtnis geblieben.
Da war zum Beispiel ein ausgesprochen spannender Beitrag über Möhre und Pastinake. Was heute eindeutig erscheint, ist bei historischen Quellen längst nicht immer eindeutig: Bezeichnungen können sich verändert haben, Pflanzen wurden miteinander verwechselt und plötzlich stellt sich bei der Interpretation eines alten Rezeptes die Frage, ob mit einer vermeintlichen „Möhre“ möglicherweise eine Pastinake gemeint war. Dazu gab es einen Probiertisch – und für jemanden wie mich, der sich gerade intensiv mit Ernährung und Kochen in der Vorgeschichte beschäftigt, war das natürlich ein gefundenes Fressen.

Ebenfalls spannend war ein Vortrag zur Frage, wie sich die Schärfe und möglicherweise auch die Verwendung archäologischer Messer untersuchen lässt. Wann ist ein Messer eigentlich scharf? Lassen sich an Funden Rückschlüsse darauf ziehen, welche Arbeiten mit ihnen ausgeführt wurden? Ich mag solche Fragestellungen sehr, weil sie zeigen, wie moderne Untersuchungsmethoden ganz konkrete Fragen an alte Gegenstände stellen können.

Sehr eindrucksvoll fand ich auch die Arbeiten an der Rekonstruktion eines bronzezeitlichen Bootes vom Bodensee. Gerade bei solchen Projekten wird deutlich, wie viele Fragen ein archäologischer Fund offenlässt. Wie waren einzelne Bauteile miteinander verbunden? Warum befindet sich an einer bestimmten Stelle ein Loch? Welche technische Lösung ist plausibel – und welche funktioniert im praktischen Versuch überhaupt? Genau an dieser Stelle wird experimentelle Archäologie für mich besonders spannend: wenn aus einer scheinbar kleinen Beobachtung plötzlich eine ganze Reihe neuer Fragen entsteht.

Und dann gab es noch eines dieser Experimente, die wissenschaftlich interessant und gleichzeitig ausgesprochen unterhaltsam sind: die Frage, wie römische Wachtürme am Limes miteinander kommuniziert haben könnten. Unter anderem wurden originale römische Pfeifen ausprobiert. Das Ergebnis hatte durchaus komische Qualitäten: Lautes Rufen erwies sich offenbar als ausgesprochen konkurrenzfähig. Manchmal ist eben auch ein gescheitertes oder unerwartetes Experiment ein gutes Ergebnis.
Mein persönliches Highlight: eine eisenzeitliche Lyra
Der Vortrag, der bei mir allerdings alles andere überstrahlt hat, war der von Wolfgang Lobisser über den Nachbau einer eisenzeitlichen Lyra.
Das Thema stand ohnehin schon lange auf meiner persönlichen Wunschliste. Deshalb war es für mich besonders faszinierend, nicht nur etwas über die Rekonstruktion zu erfahren, sondern das Instrument auch zu hören. Durch das Musikbeispiel wurde aus einem archäologischen Rekonstruktionsprojekt plötzlich etwas sehr Lebendiges.
Nach dem Vortrag konnte ich mir die Lyra noch aus der Nähe anschauen und mit Wolfgang Lobisser darüber sprechen. Genau solche Momente liebe ich auf Tagungen: Ein Vortrag weckt eine Idee – und anschließend steht man plötzlich neben dem rekonstruierten Objekt und kann direkt mit demjenigen reden, der es gebaut und ausprobiert hat.
Meine alte Idee, mich irgendwann selbst an einer eisenzeitlichen Lyra zu versuchen, ist jedenfalls keineswegs verschwunden. Eher im Gegenteil.

Das Wichtigste passiert manchmal in der Pause
So spannend das Vortragsprogramm war: Der eigentliche Wert solcher Treffen liegt für mich mindestens genauso sehr zwischen den Vorträgen.
Beim Kaffee, beim Abendessen, auf dem Weg zum nächsten Programmpunkt oder einfach beim Herumstehen entstehen die Gespräche, die man nicht planen kann. Man erzählt, woran man gerade arbeitet, hört, wie andere ein Problem gelöst haben, lernt neue Menschen kennen und trifft alte Bekannte wieder.
Und manchmal entsteht dabei ganz nebenbei die nächste Idee.
In diesem Jahr stellten einige von uns fest, dass Textil im Vortragsprogramm überhaupt nicht vertreten war. Das konnte natürlich nicht so bleiben. Also wurde schon während der Tagung angefangen zu überlegen: Was könnten wir innerhalb eines Jahres ausprobieren, entwickeln und dokumentieren, um bei einer kommenden Tagung selbst etwas beizutragen?
Noch gibt es kein fertiges Projekt. Aber genau so beginnen solche Dinge.
Und das ist vielleicht einer der schönsten Aspekte der EXAR: Man fährt mit Fragen hin und kommt mit noch mehr Fragen – aber auch mit Menschen, mit denen man gemeinsam nach Antworten suchen kann.
Mehr als Fortbildung
Für mich persönlich war dieses Wochenende noch aus einem anderen Grund besonders schön.
Ich habe irgendwann gemerkt, wie viele Menschen aus Museen und der experimentellen Archäologie ich inzwischen kenne. Menschen, deren Arbeit ich seit Jahren schätze und mit denen aus gelegentlichen Begegnungen inzwischen ganz selbstverständliche Gespräche geworden sind.
Das ist kein Netzwerk im Sinne einer gesammelten Visitenkartensammlung. Es sind Beziehungen, die über Jahre durch gemeinsame Interessen, Projekte, Tagungen und viele Gespräche entstanden sind.
Vielleicht war gerade deshalb die Heimfahrt so angenehm. Ich hatte nicht das Gefühl, einfach nur zwei Tage lang Vorträge gehört zu haben. Ich hatte das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein, in der Wissen geteilt wird und aus Begegnungen neue Ideen entstehen können.
Und genau deshalb werde ich vermutlich auch bei der nächsten EXAR-Tagung wieder irgendwo sitzen, einen Vortrag hören und denken:
Das müsste man eigentlich einmal ausprobieren.